State of Mimesis

Anfang letzter Woche in Frankfurt ging es bei Bier und Apfelwein ja auch um Rituale. Nichts Weltbewegendes, sondern die kleinen Alltagsrituale, die man sich angewöhnt und über die man eigentlich nicht nachdenkt. Mein Gegenüber schilderte, wie sich nach recht kurzer Zeit in der neuen Stadt bestimmte serielle Handlungen eingeschlichen haben. Wenn er jetzt die Stadt wechseln würde, würde er auch diese Rituale mitnehmen. Morgenrituale nur mal jetzt als Beispiel. Frühstücksfernsehen, Aufbackbrötchen, Badezimmer und das alles. Er sagte, er hätte da einen gewissen Ablauf reingebracht, der beruhigend sei. Und man mache das vermutlich, weil man nach den ersten Malen denkt, „och, das war okay so, das mache ich jetzt immer so. Und da man damit ganz gut fährt, keine Enttäuschungen zu erleben, schleifen sich auf derart die Dinge ein. Total einleuchtend, nichts verwunderliches.

Vom kleinen Alltagsritual zum Kult ist es ein weiter Weg. Der Gedanke, man mache etwas und wiederhole diese Serie an Handlungen, weil man sich davon eine Gewissheit im Leben verspricht, poppte in dieser Woche an allen Ecken und Enden wieder auf. So unverwunderlich war die Beobachtung meines Gegenübers also nicht. Auf einmal sah ich all die immer wiederkehrenden Momente meines Alltags in einem anderen Licht. Die immer wiederkehrenden Telefonkonferenzen und Meetings, die Serialität der Podcasts und des TV-Programms und natürlich die Konstanten des Lebens mit Kindern. Gerade mit Kindern schleichen sich schnell bestimmte „individuelle Gebrauchsanleitungen“ ein, weil man am Anfang dies und das versucht, mit dies besser fährt als mit das, also macht man fortan nur noch dies. So setzt sich das dann fort, bis das Kind aus dem Haus ist und man feiert trotzdem jedes Jahr wieder Weihnachten, weil man hofft, dass dieses wahrhaftige Kinderlachen und die strahlenden Augen doch bitte auch bei einem 22-jährigen reproduzierbar sein mögen.

Interessant wird das nun alles natürlich dann, wenn man die Bedingungen und Kontexte des eigenen Handelns nicht überblicken kann. Vorgestern wurde ich in einer Kneipenrunde mit dem Cargo-Cult bekannt gemacht. Alter Hut und kennt sicher jeder Sozialwissenschaftler und es klingt so vertraut, wie ein urbaner Mythos:

#alttext#Richard Feynman verwendete den Begriff erstmals 1974 in einer Rede vor dem Abschlussjahrgang 1974 am Caltech. Er bezeichnete damit eine Vorgehensweise im Wissenschaftsbetrieb, die zwar formale Kriterien erfüllt, der es jedoch an wissenschaftlicher Integrität mangelt:

„Auf den Samoainseln haben die Einheimischen nicht begriffen, was es mit den Flugzeugen auf sich hat, die während des Krieges landeten und ihnen alle möglichen herrlichen Dinge brachten. Und jetzt huldigen sie einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt so ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her. Auch Radartürme aus Holz haben sie und alles mögliche andere und hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genau so aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet.“
(Richard Feynman: Cargo Cult Science. Eröffnungsrede des California Institute of Technology zum Semesterbeginn 1974)

Siehe zum Cargo-Kult auch den Text „Die Flugzeuge landen nicht“ , im Blog „Überschaubare Relevanz“. Oder natürlich auch die Google Bildersuche dazu schafft einen schnellen Eindruck, was da Sache ist.

Die Wissenskluft zwischen einem Naturvolk und unserer Kultur und Technologie ist ja nur der Anfang, wenn man darüber nachdenkt, welche Streiche unsere eigene Kognition uns spielt: List of cognitive biases. Die Liste ist lang. Bei all diesen Tricks, die uns unsere Psyche spielt, wundert man sich doch nicht mehr, warum so viel so merkwürdig läuft.

Zum Abschluss eine geeignete kleine Blogstöckchen-Aufgabe: Erstelle eine persönliche Top-10-Liste deiner liebsten kognitiven Verzerrungen und erzähle warum Du sie so gern hast.

Dieses ganze Gegrübel hat natürlich eigentlich nur mit der Frage nach dem Status der eigenen Mimese zu tun.

Über den Autor

Hallo, ich heiße Tillmann Allmer und arbeite als Digital Stratege in einer globalen Kommunikationsagentur. Ich bin Vater von zwei Kindern und lebe mit meiner Familie in Berlin. Pro2koll.de ist mein persönliches Blog über Alltagsbeobachtungen und daraus resultierender Inspiration. Folge mir auf Twitter unter @tristessedeluxe oder werde Fan von Pro2koll.de auf Facebook, um keine Updates zu verpassen. Mehr über dieses Blog steht hier.

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  1. Pingback: Film: Work Hard – Play Hard | Pro2koll.

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