Ich habe Kunst erstanden.

Kunst erstanden. Das klingt ja jetzt auch wieder merkwürdig. Als ob man dafür lange in einer Warteschlange gestanden hätte unter Aufopferung all seiner Kräfte. Aber ich habe die Kunst nicht im klassischen Sinne gekauft und nicht ersteigert. Ich habe sie im Gegenzug zu einer Spende für ein Crowdfunding-Projekt als dankende Gegenleistung erstanden. Und das kam so:

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Das Crowdfunding Projekt Anonyme Zeichner wurde von einer Bekannten von mir ins Leben gerufen und hat im vergangenen Monat die gewünschte Finanzierungssumme über die sympathische Plattform Startnext zusammen bekommen. Damit ist es das erste Crowdfunding-Projekt, für das ich gespendet habe, das auch tatsächlich mal das Licht der Welt erblicken wird.

Anonyme Zeichner (auch auf Facebook und Twitter) ist ein Ausstellungskonzept, dass schon einige Jahre in Berlin läuft. Die Idee dahinter ist simpel und einleuchtend. Leute dürfen ihre Zeichnungen einsenden und diese werden dann kuratiert und ausgestellt. Jedoch ohne dass der Name des Zeichnenden in der Ausstellung gezeigt wird. Man sieht nur die Zeichnungen, keine Namen. Anonyme Zeichner eben. Besucher dürfen jedes Bild zu einem Pauschalpreis von 150,- Euro kaufen und erfahren dann erst nach dem Kauf den Namen des Künstlers oder der Künstlerin. Das Spannende daran ist, dass jeder Zeichnungen einsenden darf. Das können professionell als Künstler arbeitende Leute sein, aber auch Hobbyisten, Kinder und Jugendliche, Studierende, wer auch immer denkt, dass eine eigene Zeichnung gut genug gelungen ist. Das heisst, der gesamte Galerie- und Kunstmarktkontext wird mit diesem Konzept gebrochen und das Kunstwerk an sich wieder in den Mittelpunkt der Kunstbetrachtung gestellt. Ich schaue mir ein Bild nicht mehr an, weil ich bewusst in eine Ausstellung eines Künstlers gehe oder ich interpretiere ein Bild nicht mehr durch den Kontext der durch den Namen der Künstlerin und irgendwelchen Bildungshappen festgelegt ist. Man sieht nur das Bild und tauscht sich über das Bild aus. Finde ich gut, die Konzentration auf das Wesentliche.

In dem Fall, dass man auch 150,- Euro auf der hohen Kante hat und bereit ist als Spielgeld auszugeben, bekommt die Sache noch einen zusätzlichen Reiz: Natürlich überlegt man sich, ob ein Bild, das einem gefällt und das man kaufen möchte, das Geld überhaupt Wert ist. Auch hier das Dilemma, dass man sich dabei erwischt, in Kategorien des Kunstmarkts zu denkt. Rentiert sich die Finanzierung? Investiere ich in eine aufstrebende Künstlerin? Oder ermögliche ich doch nur einem Kind den Traum, einen Monat lang täglich 5,- Euro für Süssigkeiten auszugeben? Und wenn es nur das Werk eines Amateurs ist, passt es wenigstens zu meinem Sofa? Es ist ein Spiel, bei dem man ein wenig auf seine kunsthistorische Erfahrung vertrauen muss, aber auch vollkommen daneben liegen kann. Was aber nicht schlimm ist, wenn einem das Bild wirklich gefällt. Doch Geschmacksurteile sind abhängig von Milieus und Kontexten. Und so weiter…

Als nun das Projekt als Crowdfunding Sache gestartet ist, war ich noch mal mehr interessiert, weil Internet. Eine der Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung waren eben besagte 150,- Euro und dafür durfte man sich bei Erreichen der Gesamtfinanzierungssumme eine der Zeichnungen aus dem Archiv der „Anonymen Zeichner“ aussuchen. Die Auswahl der Zeichnungen fand dann über Dropbox statt, wo Scans der Bilder lagen. Eine nochmal sehr interessante Situation! Sehr anders, als wenn man mit einem Bier in der Hand in einer zur Galerie umfunktionierten Ladenwohnung steht und über die Zeichnungen smalltalkt. Hier nun hatte ich 150,- Euro gecrowdfunded (also per se schon mal was Gutes getan) und klickte dann Tage später an meinem Rechner zu Hause einfach durch die Bilderauswahl auf der Dropbox. Da sind viele Bilder, die man wählen würde. Oder anders gesagt, da sind viele Bilder, denen man auf Facebook ein Like oder auf Instagram ein Herz schenken würde. Aber als ich mich da so durch die Auswahl klickte, war ich verdammt verunsichert. Ich musste mich festlegen. Manche Sachen waren doof. Manche sehr schön. Aber würde man die aufhängen und täglich anschauen wollen? Und was ist, wenn das doch nur eine Kinderzeichnung ist, von denen hier bei uns gerade sowieso so viele an den Wänden hängen? Auch die Dropbox-Ordnerstruktur – die Bilder waren in Ordnern sortiert „A3″, „A4, „kleiner A4″ – bot keine wirkliche Orientierung, waren doch alle Bilder auf dem Bildschirm gleich groß. Kurz war da der Gedanke, im Ordner „kleiner A4″ verbirgt sich sicher die Kunst, denn A4 und A3 stehen jedem zur Verfügung. Es war jedenfalls ein großer Spass. Ich war nach einer halben Stunde so überfordert und müde, dass ich am liebsten äußeren Druck aufgebaut hätte (sprich, ins europäische Ausland gefahren wäre und durch die überteuerten Roaminggebühren für Datentarife gezwungen gewesen wäre, mich schnellstens für eine Zeichnung zu entscheiden).

Schließlich habe ich mich für eine Zeichnung aus dem Ordner „kleiner A4″ entschieden. Eine Zeichnung mit Kreide auf Transparentpapier, die mich an eine Szene aus einem amerikanischen Experimentalfilm von Jonas Mekas (glaube ich) erinnert hat. Und die mir gefällt.

Jedenfalls: Glück gehabt. Keine Kinderzeichnung. Die Zeichnung, die ich mir schließlich ausgesucht habe, ist von der schwedischen Künstlerin Etta Säfve, die ungefähr so alt ist wie ich und offenbar relativ anerkannt in Medienkunst was mit Video, 8mm-Film und aber auch Zeichnungen macht. Ganz schöne Sachen, wie ich finde. Es könnte sogar sein, dass ich schon mal was von ihr auf der Transmediale oder am ZKM gesehen habe. Auf ihrer Portfolio-Homepage zeigt Etta Säfve eine Zeichnung aus der Serie, die ungefähr so aussieht wie, die die ich nun hier liegen habe. Toll oder?

Ich habe mich noch nicht entschieden, wo ich das Bild hinhängen werde. Leben mit Kunst, das ist ja dann auch wieder eine Sache für sich.

Ach so, eins noch! Folgt den Anonymen Zeichnern entweder auf Facebook, auf Twitter, oder tragt Euch in die Mailingliste ein. Denn im März 2013 in der  Uferhallen Berlin Update 23.1.13: Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten wird es die nächste Ausstellung geben und ich freue mich, mit Euch dort über Zeichnungen zu fachsimpeln.

Über den Autor

Hallo, ich heiße Tillmann Allmer und arbeite als Digital Stratege in einer globalen Kommunikationsagentur. Ich bin Vater von zwei Kindern und lebe mit meiner Familie in Berlin. Pro2koll.de ist mein persönliches Blog über Alltagsbeobachtungen und daraus resultierender Inspiration. Folge mir auf Twitter unter @tristessedeluxe oder werde Fan von Pro2koll.de auf Facebook, um keine Updates zu verpassen. Mehr über dieses Blog steht hier.

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