Mehr.

Mehr Likes, mehr Shares, mehr Kommentare. Mehr Freunde, mehr Follower, mehr Replies und Retweets, mehr Favs, mehr Popularität und mehr Liebe. Mehr Kunden, mehr Umsatz, mehr Verantwortung, mehr Karriere, mehr Geld auf dem Konto, mehr Quadratmeter Wohnraum, mehr Gigabyte auf der Festplatte, mehr Flachbildschirm-Diagonale. Mehr PS, mehr Kilometer in der Stunde, mehr Bonusmeilen, mehr wichtiger als du. Mehr, mehr, mehr. Mehr Weniger ist mehr.

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Wir sind getrieben von Zahlen. Wie sehr das stimmt, merkte ich diese Woche alleine daran, wie entspannt mir Facebook vorkommt, wenn ich all die vielen kleinen Zahlen dort einfach mal ausblende. Keine weisse Zahl auf rotem Grund oben in der Kopfzeile, keine Like-Angaben unter den Beiträgen in der Timeline. Keine Anzahl von Freunden, die Facebook-Anzeigen gemocht haben. Ein Traum? Dies ist möglich mit einem Browserplugin:  Facebook Demetricator von Benjamin Grosser. Facebook ist voll mit Metriken und wir haben uns daran gewöhnt, dass viele unsere sozialen Interaktionen auf Facebook flankiert werden von Zahlenangaben. Das macht Facebook, um die Interaktionen auf der Seite und die Klicks hoch zu halten. Unser Verhalten wird von diesen Zahlen beeinflusst, dadurch dass sie jederzeit sichtbar sind. Benjamin Grosser, der sich als Künstler und Komponist in seiner Arbeit auf die kulturellen, sozialen und politischen Auswirkungen von Software konzentriert, geht sogar davon aus, dass diese Metriken Stress bei den Facebook-Nutzern erzeugen, uns unter Druck setzten und Verhaltensweisen an den Tag legen, die einer schwachen Sucht gleich kommen.

In diesem Video erklärt Benjamin Grosser in wenigen Minuten seinen Ansatz:

Aus dem Feedback von Usern des Plugins, die ihm ihre Erfahrungen schilderten, hat Benjamin Grosser nun einen detaillierten Bericht veröffentlicht zur Frage: What Do Metrics Want? How Quantification Prescribes Social Interaction on Facebook (Computational Culture). Bin ich via How Numbers on Facebook Change Behavior (The Atlantic) drauf gestoßen.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie viel Stress und schlechtes Gewissen die Benachrichtigungen vom RSS-Reader immer gemacht haben, bevor man ihn aus der Taskleiste oder dem Dock entfernte? Eine weisse 5000+ auf rotem Kreis zeigte an, dass ich es nie schaffen werde, alle abonnierten Blogs jemals zu lesen. Auf dem Handy lauert an jedem App-Icon das selbe Problem. Auf Twitter ist es natürlich nicht anders, morgens schaue ich als erstes, ob ich neue Favs, Retweets und Replies habe. Diese Zahlen machen uns verrückt nach mehr, mehr, mehr +1 und lassen uns das Wesentliche vergessen.

Vielleicht kann man auch mal so ein praktische Plugin für Unternehmen bauen, die so heiss auf Metriken sind und durch all die Social Media Quartalsreports vergessen, vielleicht überhaupt erstmal eine vernünftige Social Media Strategie zu erarbeiten.

Über den Autor

Hallo, ich heiße Tillmann Allmer und arbeite als Digital Stratege in einer globalen Kommunikationsagentur. Ich bin Vater von zwei Kindern und lebe mit meiner Familie in Berlin. Pro2koll.de ist mein persönliches Blog über Alltagsbeobachtungen und daraus resultierender Inspiration. Folge mir auf Twitter unter @tristessedeluxe oder werde Fan von Pro2koll.de auf Facebook, um keine Updates zu verpassen. Mehr über dieses Blog steht hier.

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